Liebe deinen Fremden!

16.01.2025

Zum Tag des Judentums wurde am Vorabend in der Evangelischen Heilandskirche Graz ein ökumenischer Gottesdienst gefeiert.

Seit dem Jahr 2000 wird am 17. Jänner, also am Tag vor Beginn der Weltgebetswoche zur Einheit der Christen, der „Tag des Judentums“ begangen. Die Idee zu diesem Gedenktag, an dem sich Christinnen und Christen ihrer Wurzeln im Judentum und ihrer Weggemeinschaft mit dem Judentum bewusst werden sollen, entstand 1997 auf der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Graz. 1999 beschloss der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich alljährlich am 17. Jänner diesen Tag zu begehen. Dieser Tag lädt auch ein, des an jüdischen Menschen und ihrem Glauben begangenen Unrechts in der Geschichte zu gedenken.

In Graz gestaltete die Evangelische Pfarrgemeinde Graz in der Heilandskirche am 16. Jänner 2025 diesen Ökumenischen Wortgottesdienst gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern vieler in Graz ansässiger christlicher Religionsgemeinschaften. Apostel Matthias Pfützner war als Vertreter der Neuapostolischen Kirche vom Organisationskomitee eingeladen, die Predigt unter dem Titel „Liebe deinen Fremden“ zu halten.

Die zahlreichen Gottesdienstteilnehmer in der vollbesetzten Heilandskirche erlebten eine eindringliche und bewegende Predigt, in welcher Apostel Pfützner eingangs auf den vielleicht paradox und irritierend, doch zugleich auch faszinierend klingenden Titel einging. Das Spannungsverhältnis von Distanz (Fremder) und Nähe, Zugehörigkeit (dein) ist in vielen Lebenssituationen spürbar. Wer ist schon gerne fremd, unverstanden, einsam, abgelehnt, heimatlos? In Matthäus 25 lesen wir den Satz „ICH bin ein Fremder gewesen“. Da geht es nicht um Migrationspolitik, sondern darum, dass Gott selbst damals fremd war und uns auch heute fremd geworden zu sein scheint. Apostel Pfützner zitierte in diesem Zusammenhang eine Studie der Universität Wien, wonach nur noch 14% der österreichischen Bevölkerung an einen personalen Gott glauben. Doch wenn wir uns auch fremd fühlen mögen, Gott ist uns nah. Er zeigt uns, wie wir mit Fremdheit umgehen können. Sein Reflex auf den Fremden ist nicht Ablehnung, sondern Annahme.
Apostel Pfützner stellte die Frage: „Wer ist dir fremd? Hier in der Gemeinde, in deinem Umfeld, in dieser Stadt und diesem Land?“ Für den Umgang mit dieser Frage und auch mit dem Titel des Gottesdienstes gibt es eine Antwort: „Liebe deinen Gott! Denn Gott begegnet
uns im Anderen“. Andersartigkeit ruft nach Liebe und Gerechtigkeit, denn vor Gott sind alle Menschen gleich. Wo die Liebe Gottes in der Annahme des Fremden resultiert, schöpfen wir Kraft, Beziehungen aufzubauen und eine Gemeinschaft zu bilden, die andere willkommen heißt. In diesem Sinne müssen Kirchen wieder Orte sein oder werden, an denen sich alle
Menschen willkommen fühlen dürfen, so der Aufruf des Apostels.

Esther Wratschko bereicherte die Feier mit jiddischen Liedern am Klavier, Kantor Thomas Wrenger begleitete an der Orgel.

Die Anwesenden, darunter viele neuapostolische Christinnen und Christen sowie auch etliche Lehrende und Studierende der Römisch-Katholischen Theologischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz, zeigten sich im Gedankenaustausch bei der anschließenden Agape sehr beeindruckt von der Predigt und es konnten gute neue ökumenische Kontakte geknüpft werden.

 

Michaela Al-Yazdi | Fotos G. Neuhold, M. Al-Yazdi